Bedürfnisse ausloten, Verbesserungen entwickeln

Prof. Christian T. Haas, Hochschule Fresenius, über den ÖPNV in Zeiten des demografischen Wandels

Hochschule Fresenius ©Prof. Christian T. Haas forscht zum Themenkomplex ÖPNV und demografischer Wandel.
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Seit drei Jahren arbeiten DB Regio Bus und die Hochschule Fresenius gemeinsam an Konzepten, den Busverkehr im ÖPNV fit für eine zunehmend älter werdende Gesellschaft und weitere demografische Entwicklungen zu machen. Ein Beispiel der erfolgreichen Kooperation ist der von beiden Partnern und dem Fahrzeughersteller Iveco speziell für die Bedürfnisse älterer Fahrgäste entwickelte Easy Bus (siehe Bus im Blick 2/2018). Prof. Christian T. Haas, Direktor des Instituts für komplexe Systemforschung an der Hochschule Fresenius, über die aktuellen Herausforderungen für den ÖPNV.

In zehn Jahren wird jeder vierte Einwohner in Deutschland 65 Jahre oder älter sein. Ist der ÖPNV darauf vorbereitet?

Prof. Christian T. Haas: Es hat sich schon einiges getan, aber wir sind noch nicht dort, wo wir
hin wollen: Selbst wenn der gesamte ÖPNV barrierefrei wäre, bedeutete das nicht, dass der Weg zur Haltestelle es auch ist. Wir müssen also immer in Mobilitätsketten denken. Ich begrüße, dass DB Regio Bus den Blick über den Tellerrand wagt und eben nicht nur auf die Fahrzeuge richtet. Es gibt auch nicht die eine große Lösung, wir müssen Bedürfnisse immer wieder neu ausloten und kontinuierlich Verbesserungen entwickeln. Genau hieran arbeiten wir.

IVECO ©Blick in den Easy Bus
Wo sehen Sie die wesentlichen Ansatzpunkte, einer alternden Bevölkerung gerecht zu werden?
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Haas: Wir müssen vor allem die Kommunikation mit Älteren pflegen und spezifische Analysen durchführen, die interessante, wichtige Ergebnisse hervorbringen können: So stellten wir beispielsweise fest, dass Piktogramme, die Sitze für mobilitätseingeschränkte Fahrgäste ausweisen und an den Seitenwänden im Fahrzeug angebracht sind, von vielen älteren Fahrgästen nicht wahrgenommen werden, da ihr Sichtfeld eingeschränkt ist. Deutlich besser funktioniert es, wenn die Symbole in die Rücklehne der Sitze eingenäht sind. Ein weiterer kritischer Punkt kann sich durch eine zunehmende Digitalisierung des Informationsangebots ergeben. Hier finden sich viele ältere Personen nicht zurecht oder haben gar keinen Zugang. 90 Prozent von ihnen bevorzugen klassische Buchfahrpläne.

Mobilität im Alter hat Ihren Forschungen zufolge hohe gesellschaftliche Relevanz. Warum?

Haas: Das hat mit sozialer Teilhabe und Lebensqualität zu tun. Auch gesundheitliche Aspekte sind von funktionierenden Mobilitätsketten abhängig. Je älter Menschen sind, umso wichtiger werden Arztbesuche und umso häufiger sind sie nötig. Wenn jemand nicht mehr Auto fahren kann und Taxifahrten zu teuer sind, kommt dem ÖPNV eine enorme Bedeutung zu.

IVECO ©Der Easy Bus von IVECO
Vor Kurzem war der Easy Bus erstmals mehrere Wochen im Linienbetrieb unterwegs. Wie ist der Praxistest ausgefallen?
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Haas: Der Easy Bus kam sehr gut an. In ihn können Fahrgäste mit Rollator über eine Rampe vorn beim Fahrer einsteigen, Tickets kaufen oder Auskünfte erhalten. Zu den Sitzen für mobilitätseingeschränkte Menschen führt ein Farbleitsystem, das die Orientierung verbessert und ein schnelles Erreichen sicherstellt, im Schnitt beschleunigt sich der Prozess um 20 Prozent. Ein wichtiger Entwicklungsschritt war es auch, einige Sitze erhöht anzuordnen, das erleichtert insbesondere das Wiederaufstehen.

Ein großes Problem der Branche liegt darin, Mitarbeiter zu gewinnen, insbesondere Busfahrer. Wie kann man den Beruf attraktiver machen?

Haas: Der Busfahrer trägt dieselbe Verantwortung für die Sicherheit seiner Fahrgäste wie ein
Pilot für Flugreisende. Allerdings erhalten die meisten Fahrer in der Regel eine deutlich geringere Wertschätzung. Aktuell arbeiten wir daran, in der Gesellschaft eine höhere Sensitivität für die Leistungen der Busfahrer zu erreichen. Unter Berücksichtigung einer zunehmenden Automatisierung und gegebenenfalls Autonomisierung von Verkehren muss man ferner an einer aktiven Gestaltung des Berufsbildes arbeiten. Hier sind wir in einem lebendigen Austausch.

Es gibt für DB Regio Bus und die Hochschule Fresenius also noch einiges gemeinsam zu tun?

Haas: Ja, und deshalb werden wir die Kooperation gerne fortführen. Mit DB Regio Bus haben wir einen Partner, der offen für innovative Ideen und ehrlich bemüht ist, sie umzusetzen - auch wenn das nicht immer von heute auf morgen geht.

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